„Ragnamar“ von Kaja Paulan

Erinnert Ihr Euch an Kaja Paulan? Wir hatten Ihr Adventsbuch „Wo ist Herr Polymorf?“ Ende November auf Instagram vorgestellt, weil uns das Buch so begeistert hat. Nun, irgendwann stieß ich auch auf Kajas zweiten Account, bei dem es um Fantasybücher, genauer derzeit um das Buch „Ragnamar – Einbruch der Dämmerung“ geht. Da ich Kajas kreativen Schreibstil schon in ihrem Kinderbuch zu schätzen wusste, habe ich mir auch dieses Buch bestellt. Ich wurde nicht enttäuscht. 

Die 14-jährige Emilia ist ohne Erinnerungen aufgewacht. Es heißt, nach einem Nachmittag im Wald wurde Emilia mit ihrem Bruder mit einer vollständigen Amnesie gefunden. Jetzt wohnt sie mit ihrer Mutter Rosalyn und ihrem Bruder Florens in einem alten Kloster und versucht herauszufinden, wer sie ist. Schnell entdeckt sie, wie gut ihr Gedächtnis ist. Sie kann ganze Passagen aus Büchern zitieren, was mit Ihrem Hintergrund der Amnesie etwas kurios erscheint. Doch das bleibt nicht das einzig seltsame in Emilias Leben. Ihr kleiner Bruder ist hochgradig traumatisiert und spricht kein einziges Wort seit diesem Nachmittag im Wald. Für ihre Mutter Rosalyn kann Emilia keine Liebe entwickeln, ganz anders steht es um ihre Zuneigung zum neun Bibliothekar Jacob, mit dem sie sofort eine innige Freundschaft schließt. Und dann geschieht es. Mit einem Klassenkameraden Crispin, der auf der Suche nach seinem verschwundenen Bruder ist, durchstreifen die beiden Jugendlichen den Märchenpark im Wald. Dieser Märchenpark ist das Herzstück der seltsam kaltherzigen Mutter Rosalyn und darf vor der Eröffnungsfeier gar nicht betreten werden. Zurecht? Denn plötzlich werden die beiden von ungewöhnlich großen Raben angegriffen. Emilia und Crispin verstecken sich vor dem Angriff in einem hohlen Baum und landen in einer mysteriösen Welt, die den Märchen der Brüder Grimm nahe steht. Ragnamar ist ein Welt voller Zwielicht und Grausamkeit, aber auch faszinierenden Dingen. Es scheint, als ob Emilia hier alle Antworten auf ihre Fragen finden kann, wenn sie es schafft sich nicht von dem bösartigen Vinstarwölfen fressen zu lassen.

Eine rasante Geschichte, die faszinierend mit den bekannten Märchen der Brüder Grimm verbunden ist. Ich habe das Buch verschlungen, denn ich wollte unbedingt wissen, was Emilias Geschichte ist und dann, ob sie es schafft die Welt von den bösen Mächten und dem unausweichlich scheinendem Schicksal zu retten. Auch dieses Buch zeigt wieder die ausgeprägte Fantasie von Kaja Paulan.

Ein wenig mehr über die Autorin und ihre Inspiration erfahrt Ihr im folgenden Kurzinterview:

KinderLeseWunder: Kaja, du hast bereits zwei Bücher veröffentlicht und weitere in deiner Schublade. Was motiviert dich neben dem Hauptberuf zum Schreiben?

Kaja Paulan: Ich liebe Geschichten. Ich liebe die Möglichkeiten, die Geschichten bieten. Schon als Kind habe ich viel gelesen, viel über die Welt nachgedacht, in der ich lebe, und mir immer wieder eigene Geschichten ausgedacht. Man hat ja nur ein Leben, in dem man sich nicht alle Träume erfüllen und nicht alle Perspektiven einnehmen kann. Aber in der Fantasie geht das. Ich kann mich in unterschiedlichsten Welten aufhalten, in unterschiedlichste Rollen schlüpfen, Dinge tun, die ich mir im wahren Leben nicht leisten kann oder mir nicht zutraue. Ich möchte gern von meinem Schreibtisch aus Welten erfindenund mit Leben füllen. Weil sie in meinem Kopf sind und hinaus drängen.

K.: Deine beiden Bücher sind kreativ und vernetzt mit unserer Kultur. Deine Kinderweihnachtsgeschichte spielt mit Figuren,die bei uns in Europa mit Weihnachten in Verbindung stehen. In deinem Jugendbuch verwebst du Märchen und Sagen miteinander. Was inspiriert dich zu deinen Geschichten?

K.P.: Märchen und Sagen liebe ich seit meiner Kindheit. Daraus schöpfe ich tatsächlich viel, weil ein ganzer Geschichtenkosmos darin steckt. Aber auch sonst ist die ganze Welt voller Ideen. Ich finde sie in den Begegnungen mit anderen Menschen, in eigenen Erlebnissen, aber auch in Bildern, Büchern, Tageszeitungen und Filmen. Ein Beispiel: In einer Dokumentation ging es um eine Parlamentspoetin, die fest in der kanadischen Regierung angestellt ist. Eine Nebenfigur meiner Romane fiel mir ein, die eine ähnliche Rolle in einer meiner nächsten Geschichten einnehmen könnte.

K.: Was fasziniert dich an Märchen und Sagen?

K.P.: In den Sagen steckt ja unsere Geschichte, die Wurzeln unserer Kultur. Das hat mich schon immer interessiert. An den Märchen fasziniert mich vor allem die Schlichtheit. Die Figuren, die in ihnen agieren, nehmen die Welt, so wie sie ist und wenn sie etwas verändern wollen, tun sie es ohne großes Geschrei, sondern sie machen sich auf den Weg und handeln. Das alles wird unaufgeregt erzählt, die Märchenhelden und -heldinnen überwinden scheinbar unüberwindliche Hindernisseund nehmen alles auf sich, wenn sie ein Ziel vor Augen haben. Sie werten selten, sondern überlassen das den Lesern. Und dann natürlich dies: „In einer Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat …“ Wunder geschehen einfach so, weil man den richtigen Spruch kennt oder weil sie gerade verfügbar sind. Man kann sie nicht planen und man muss sie sich nicht immer hart erarbeiten.

K.: Gibt es eine Figur in deinen Büchern, die dir ein wenig ähnlich ist?

K.P.: Wahrscheinlich sind sie mir alle ein wenig ähnlich. Schreiben ist für mich ja unter anderem ein Ausloten von Möglichkeiten, die in uns, auch in mir, stecken. Für jede meiner Figuren muss ich ein Grundverständnis haben. Ich muss wissen, warum sie so geworden ist wie sie ist. Dazu muss ich die Emotionen und den Antrieb der Figuren kennen. Das kann ich nur, wenn ich mich in die Figur hineinversetze. Also vermute ich, dass ich hinterher in jeder Figur irgendwie selbst stecke. Wer bin ich? Wer könnte ich sein? Welche Wege hätte ich gehen können? So ungefähr.

K.: Für die märchenhaften Bilder, die du in deinen Büchern zeigst, benutzt du die ursprünglichen Versionen der Märchen, die oft sehr grausam sind. Sind es deiner Meinung nach die echten Märchen, die die Leserinnen kennen sollten?

K.P.: Ich denke schon. Aber das ist meine persönliche Meinung. Märchen gehören zu unserer Kultur und zu unserer Geschichte. Die Welt ist nicht gut, weil wir sie uns so wünschen. Kinder wissen das auch und sie teilen schon sehr bewusst ein in Gut und Böse, Weiß und Schwarz. Wobei sie mit Zwischentönen weniger anfangen können. Das Wissen darüber erwerben wir ja erst mit unseren Erfahrungen und mit dem zunehmenden Blick in unsere eigenen menschlichen Abgründe. Kinder sind fasziniert von Märchen, weil sie nach einem Schema aufgebaut sind. Die Guten gewinnen und die Bösen verlieren. Das finden sie moralisch richtig. Sie folgen dem Helden oder der Heldin und fiebern oder leiden mit ihnen mit. Und die Bösen in den Märchen tun denen ja wirklich oft richtig, richtig böse Dinge an. „Die Grausamkeit, die Erwachsene in die Geschichten interpretieren, nehmen Kinder so nicht wahr“, sagt zum Beispiel Märchenforscher Rölleke. Und auch von Cornelia Funke habe ich das auf ähnliche Weise gehört. Natürlich sind Kinder unterschiedlich und die Eltern müssen selbst einschätzen, was sie verkraften können und was nicht.

K.: Hast du einen Tipp für alle, die von einer Veröffentlichung ihrer Geschichten träumen?

K.P.: Zum einen muss man natürlich schreiben. Viel und regelmäßig. Überarbeiten, wieder und wieder. Dann muss man versuchen, auf dem Laufenden zu bleiben, was den Buchmarkt betrifft. Was wollen die Verlage? Wie bewerbe ich mich mit meinem Manuskript? … Das spielt eine größere Rolle, als man annimmt. Auch ich habe das jahrelang unterschätzt. Viele Manuskripte werden gar nicht gesehen, weil formale Vorgaben nicht eingehalten werden. Durchhalten, würde ich sagen. Sich nicht entmutigen lassen. Schreiben ist ein langwieriger Prozess. Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit zwischendurch immer wieder Durststrecken geben. Man darf an sich zweifeln, aber man darf seinen Zweifeln keine Macht über sein Schreiben geben.

K.: Werden wir bald neue Geschichten aus Deiner Feder lesen dürfen?

K.P.: Ragnamar 2 ist in Arbeit. Der Verlag ist interessiert. Ein Fantasymanuskript habe ich dafür wieder hinten angestellt, obwohl ich es sehr liebe. Dann lasse ich aktuell ein Kinderbuchmanuskript lektorieren, das auch schon viel zulange in einem meiner Ordner liegt. Dafür gibt es aber noch keinen Verlag. Und vieles andere hat sich im Laufe der Jahre bei mir angesammelt, das ich so nach und nach veröffentlichen möchte. Aber es braucht natürlich Zeit.

Foto stammt von der Autorinhomepage des BookKingPublishing Verlages
„Ragnamar – Einbruch der Dämmerung“ von Kaja Paulan, 448 S., erschienen 2021 im BookKing Verlag ISBN ‎978-3-740984250

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