„Das Lächeln meiner Mutter“ von Delphine de Vigan

Ein lesenswerter Versuch den Selbstmord der eigenen Mutter zu verstehen.

Das Buch „Das Lächeln meiner Mutter“ von Delphine de Vigan ist für mich ein Buch mit bleibendem Eindruck. Es breitet die Familiengeschichte der Autorin vor dem Leser dreidimensional aus und lässt ihn so umso besser verstehen, wie komplex die menschliche Psyche ist. Wie in ihren anderen Werken nährt sich Delphin de Vigan vor allem dem Warum von Ereignissen, statt die nur gekonnt zu schildern. Damit ist dieses Buch vor allem für die Leser ein Gewinn, die sich durch das Lesen dem Geheimnis des zerbrechlichen und doch so überlebensfähigem Menschen annähern möchten.

In meinen Augen ist das Buch „Das Lächeln meiner Mutter“ kein literarisches Meisterstück im klassischen Sinne. Die Autorin schildert wiederholt selbst, wie sie mit der Form des Textes hadert. Insgesamt ist der Text nicht flüssig zu lesen. Es finden sich immer wieder Brüche, wenn de Vigan sich wiederholt fragt, welchen Sinn dieses Buch für sie hat, ob sie überhaupt ein Ende finden wird, ob sie das Recht hat solch` ein Buch über ihre Familie zu schreiben und was dieses Buch nach der Veröffentlichung mit jedem Einzelnen macht. Doch genau diese Brüche des Leseflusses haben für mich den größten Reiz dieses Buch ausgemacht.

Zwischen den Buchdeckeln ist nicht nur eine Darstellung von Familientragödien, gepresst in die richtige Form à la „Wie schreibe ich einen Bestseller“ zu finden. Es sind zwei Dimension mehr. Als Leser erfahren wir neben mehrere Tragödien einer Familie – darunter sterbende Kinder, Selbstmorde, mögliche Vergewaltigungen, Alkoholsucht, Scheidung, Psychiatrieaufenthalte – auch das Danach. Was machen diese Tragödien mit den Familienmitgliedern, vor allem der Mutter der Erzählerin, über Jahrzehnte hinaus. Das ist für mich die zweite Dimension, wie sie in vielen Mehrgenerationsdramen zu finden ist. Die dritte und für mich so wertvolle Dimension dieses Buch ist der Monolog, in den die Autorin immer wieder verfällt. Delphin de Vigan schildert dem Leser tagebuchartig wie sie mit der Entstehung des Textes zurecht kommt, welche Entscheidungen sie zur Form und zum Inhalt trifft und wie das Scheiben sie persönlich fordert und doch voran bringt.

Oft legte ich dieses Buch nach dem Lesen aufgewühlt zur Seite und wollte doch mehr. Mehr von der Welt, die Delphine de Vigan vor dem Leser ausbreitet Und mehr von den Gedanken, die sie selbst dazu hat. Dieses Buch darf, wie die meisten anderen Bücher von Delphine de Vigan in mein analoges Bücherregal für Literatur wandern. Das Buch ist trotz der Brüche in einer gut zu lesenden Sprache geschrieben und übersetzt, erzählt eine ungewöhnliche Geschichte, lässt mich die Welt ein Stückchen mehr verstehen und hält den Spannungsbogen bist zum Schluss. Vor allem aber bin ich mir sicher, dass ich das Buch wieder in die Hand nehmen möchte.

„Das Lächeln meiner Mutter“ von Delphine de Vigan, übersetzt aus dem Französischen, erschienenen DuMont Verlag ISBN ISBN 978-3-8321-6546-8

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