„Rotwölfchen“ von Amelie Flechais

Die Liebe zur Natur und den Wölfen fällt der Eifersucht zum Opfer. Das Graphic Novel ist eine wunderschöne Parabel über Hass und seine Zerstörungskraft

Eine kunstvolles und visuell ansprechendes Werk findet der Leser in „Rotwölfchen“ von Amalie Fléchais, erschienen im Imprint toonfish des SPLITTER Verlags. Im Kontext des Märchens Rotkäppchen agieren in diesem Bilderbuch die Protagonisten in umgekehrter Funktion und das macht den Perspektivwechsel so spannend und besonders. 


Ein Wölfchen, dass stets rot gekleidet ist, wird von seiner Mutter zur Großmutter geschickt. Dieses hat ihre letzten Zähne verloren und kann nicht mehr jagen. (Hier wird wunderbar der von Biologen dokumentierte Zusammenhalt unter Wölfe angesprochen, die die Schwachen in ihrem Rudel mitversorgen.) Auf dem Weg durch den Wald soll Rotwölfchen acht auf den Jäger und seine Tochter geben. „Sie (…) hassen uns Wölfe.“ Unterwegs ist Rotwölfchen unaufmerksam und verläuft sich. Da trifft sie ein nettes Mädchen, dass ihr helfen möchte. Sie folgt ihr. Zuspät entdeckt Rotwölfchen, dass es die grausame Jägerstochter ist. Diese erzählt Rotwölfchen eine düstere Geschichte über den Ursprung des Hasses auf die Wölfe des Jägers und seiner Tochter. Doch so richtig scheint die Geschichte nicht ins Bild von Rotwölfchen über die Wölfe zu passen. Und tatsächlich, am Ende erfahren wir eine andere Version, die von der Liebe zur Natur handelt und bei der Rettung Rotwölfchens vom ihrem Vater erzählt wird.

„Rotwölfchen“ ist ein Graphic Novel für Kinder ab 9 Jahren. Die Illustrationen sind wunderschön, stellenweise auch düster. Die Geschichte ist anspruchsvoll und bei jüngeren Kindern nicht für Nebenbei geeignet. Ich halte es bei Büchern wie Martin Baltscheits es so wunderbar formuliert hat: „Wenn ein Kind sagt – Nö“, dass ist mir zu grausam, dann muss es das nicht lesen. Und wenn das Kind es nochmal lesen möchte, dann ist es gut für das Kind. (Nachzuhören in der Folge 25 des wunderbaren Podcasts freigeistern! von Christine Knödler im Gespräch mit Martin Baltscheit). Aus dieser Überzeugung heraus habe ich dieses Graphic Novel meinen Kindern, die ja alle unter 9 Jahren sind, vorgelesen. Die Reaktionen waren ganz unterschiedlich – der Große ist bereits nach den ersten Seiten ausgestiegen. Die Mädels waren begeistert und wollten es im Anschluss sofort nochmal lesen. Dabei haben wir intensiv über den Hass des Jägers gesprochen. Das war für die Mädels noch zu komplex ist, um es sofort in Gänze zu erfassen.

Die wunderbare Aussage der Geschichte ist, dass etwas nicht wahr sein muss, obwohl es jemand so erzählt und dass es immer mehrere Perspektiven gibt. Auch kann jemand die Wahrheit verdrehen, weil derjenige sich vor der Wahrheit selbst schützen möchte, da er sonst daran zerbricht. Dadurch wird der Hass auf sich selbst auf jemand anderen gelenkt und vergiftet die Welt.

„Rotwölfchen“ von Amélie Fléchais, übersetzt von Anne Bergen, 80 S., erschienen 2021 im Imprint toonfish beim Splitter Verlag ISBN 978-3-95839-994-5

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